Umbruchsphasen

Kennst du diesen Zustand, in dem nichts mehr richtig passt? Das, was dich eine ganze Weile getragen hat, dich zufrieden gemacht hat, funktioniert nicht mehr und es ist noch keine konkrete Alternative in Sicht. Du hängst irgendwo im nirgendwo, bist weder Fisch noch Fleisch, kommst dir vor, wie ein wandelnder Widerspruch.

Du bist unruhig und ungeduldig und rennst in tausend Richtungen gleichzeitig.

In der Entwicklungspsychologie wird genau dieser Zustand bei Kindern beschrieben, die dabei sind, einen neuen Entwicklungsschritt zu machen.

Ich glaube, dass nur manchmal in unserer Gesellschaft vergessen wird, dass die Entwicklung nicht mit Eintritt ins Erwachsenenalter aufhört. Ebenso scheint es mir ein Fehldenken zu sein, dass, wenn Erwachsene ihre Entwicklungsschritte machen, diese geregelter und ruhiger ablaufen würden. Nein, ich sehe bei vielen Erwachsenen prinzipiell keinen Unterschied im Verhalten und Umgang mit diesen Phasen, im Vergleich zu den Kindern.

Diese Phasen sind und bleiben anstrengend, für einen selbst – genauso für das Umfeld.

Die gute Botschaft – es sind nur Phasen, das heißt, sie sind endlich. Und sie führen eigentlich immer in eine „Erweiterung“, gebären neue Möglichkeiten. Entwicklungsschritte eben.

Ich möchte dich ermutigen, trotz dem unrunden, anstrengenden Gefühl, neugierig zu schauen, was sich da in dir „ent-wickeln“ möchte, was für neue Aspekte ins Bewusstsein drängen, Raum suchen.

Ich glaube, der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen ist, dass Kinder diese Phasen einfach leben, ohne sie zu verstehen oder verstehen zu wollen.

Viele Erwachsenen hingegen meinen funktionieren zu müssen und versuchen solche Chaosphasen mit Gewalt zu unterdrücken, entwickeln Ängste, wollen ihr Gleichgewicht, ihre haltgebende Ordnung nicht verlieren und verhindern mit all ihrer Kraft den natürlichen Lauf der Dinge. Dadurch können sich diese Entwicklungsschritte, die zum Leben dazu gehören, zu tiefen Lebenskrisen ausweiten.

Oft wird dann, mit Hilfe von Außen, die ganze Vergangenheit durchforstet, auf der Suche nach Ursachen, Auslösern. Und wer suchet, der findet!

Ich bin der Meinung, dass ich mich ruckzuck in einen unglücklichen Menschen verwandeln könnte, wenn ich meine Vergangenheit nach allem, was mich überfordert, verstört, bedroht hat, durchforsten und mir all diese Gefühle wieder verstärkt ins Bewusstsein holen würde. Aber wozu sollte ich das Tun?

Ich finde das tägliche Leben hat genügend Herausforderungen, an denen ich mich ausprobieren kann!

Ich stelle die These in den Raum, dass viele Menschen da auf vollkommen falschen Baustellen suchen und die detektivische Suche irgendwann zum Selbstzweck wird, die leider oft zu einer Entfremdung des Jetzt führt.

Scheint mir ein bißchen so zu sein, wie der Fernsehkonsum. Man „haut“ einfach ab in eine Parallelwelt. Vergangenheit oder Fernsehrealitäten sind für mich beide gleich abstrakt und erfordern kein sich zeigen und agieren im Jetzt. Man lebt in nicht realen Gefühlswelten. Ist das Jetzt für viele so schrecklich?

Oder haben sie sich tatsächlich einfach verirrt, als sie in eine natürliche Umbruchsphase gerutscht sind und diese nicht als solche erkennen und einfach dasein lassen konnten?

Mich interessiert, was die Menschen jetzt in diesem Moment fühlen, denken, … und nicht was sie fühlen, wenn sie an ihre Vergangenheit denken und wie sehr das Gefühl ihr Jetzt beschwert. Zwingt sie doch niemand, die Gefühle der Vergangenheit ins Jetzt zu holen. Man kann das Jetzt auch einfach so leben.

Nicht falsch verstehen, ich sage nicht, dass die Vergangenheit ein Tabuthema ist, nur dass man sie nicht zum Hauptthema, bzw. als Fluchtort benutzen soll. Dafür ist sie nämlich bei den meisten Menschen kein geeigneter Ort. Zumal die hier beschriebenen Forscher sich ja nur mit den schwierigen Situationen auseinandersetzen.

Erforsche lieber das Hier und Jetzt – es hält meist ähnliche „Lern-Situationen“ für dich bereit, an denen du dich ausprobieren, lernen, wachsen kannst. Und manchmal gilt es auch, einfach nur geduldig den Wandel in dir abzuwarten, die Umbruchsphase einfach sein zu lassen.

Vielleicht konnte ich dem einen oder der anderen eine neue Sichtweise aufzeigen und ihr habt Lust, die neue Perspektive mal auszuprobieren? Das würde mich freuen!

Zum Schluss mag ich den passionierten Vergangenheitsforschern ein Zitat mitgeben, das ich auch im Newsletter schonmal benutzt habe:

Ein Schüler fragt seinen Meister: „Meister, was kann ich tun, um die Anhaftungen der Vergangenheit loszuwerden?“ Der Meister steht wortlos auf, läuft zu einem Baumstumpf, umklammert diesen und jammert: „Was kann ich tun, damit dieser Baum mich loslässt?“

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