Monatsgeschichte

Der Irrwisch

Sie konnte ihr Blut in den Adern spüren, ein rauschhafter Zustand. Sie fühlte innere Weite. Eine Weite, die aufnahmebereit war, für das, was kommen wollte. Der Atem war verlangsamt und dennoch intensiver als je zuvor. Sie konnte spüren, wie ihr Körper mit Sauerstoff, Lebensenergie angereichert wurde, sich vorbereitete. Und dann sah sie ihn, den erbsengroßen Irrwisch, der zerfressen war von Neid.

So viel Neid, dass er ruhelos, rastlos durch die Gegend raste, laut vor sich hinschimpfend. Und setzte er sich mal nieder, sprang er sofort wieder auf. Der Neid war zu groß, trieb ihn um, den kleinen Irrwisch.

Wie hatte es nur so weit kommen können?

Der Irrwisch war schon immer neugierig gewesen und hatte viele Grenzen übertreten, die ihm eigentlich verboten waren. U.A. die Grenze zur Menschenwelt. Er beobachtete die Menschen fasziniert und voller Freude. Fand alles was sie machten spannend, auch wenn er nicht die blasseste Ahnung hatte, was und warum sie das taten.

Ihm schien seine Irrwischwelt vergleichsweise langweilig und er wünschte sich nichts mehr, als auch ein Mensch zu sein, wie ein Mensch zu fühlen, zu leben.

Er begann die Menschen abgöttisch zu lieben und zu verehren und merkte gar nicht, dass es nur seine Vorstellung von ihnen war, die er liebte, dass er verdrängte, wie sonderbar er ihr Verhalten immer wieder empfunden hatte. Er wurde auf diesem Auge blind.

Er suchte wie verrückt nach einem Weg, wie er seinen Traum verwirklichen könne und wurde tatsächlich fündig. Nach langer anstrengender Suche hatte er das verbotenen Buch gefunden und sich Zugang verschaffen können. In ihm stand geschrieben, wie er die Irrwischwelt verlassen und Mensch werden könne. Der Weg schien ganz einfach, auch wenn vor ihm drastisch gewarnt wurde. Alles was er tun müsse, wäre, in der Menschenwelt einen Löffel voll Sahne essen. Das konnte ja nicht so schwer sein!

Der Irrwisch war mittlerweile so beseelt von seinem Wunsch, Mensch zu sein, dass er alle Warnungen in den Wind schlug. Er schritt voller Freude und Stolz in die Menschenwelt, zielstrebig auf den Ort zu, an dem er die Sahne entdeckt hatte.

Voller Ehrfurcht und rauschhaften Vorfreudegefühlen führte er den Löffel mit Sahne in seinen Mund – war seinem Ziel so nah – und musste explosionsartig nießen. Nur ein kleiner Tropfen Sahne verblieb in seinem Mund. Der Rest verteilte sich in einem Sprühregen – Schnee nennen es die Menschen – über die Erde und deckte diese an manchen Stellen kurzfristig zu.

Tja, der Irrwisch hatte in der Eile, die verbotenes Handeln oft mit sich bringt, eine wichtige Passage im verbotenen Buch überlesen. Diese besagt, dass die meisten Irrwische Sahne nicht vertragen und davon nießen müssten. Der Wandel könne sich aber nur vollziehen, wenn der ganze Löffel Sahne geschluckt werde. Bei Teilverzehr würden die verrücktesten, unumkehrbaren Dinge passieren.

So führte der Tropfen Sahne, der im Mund des Irrwischs geblieben war und den er aus Angst schnell runtergeschluckt hatte, zu einem höchst unerwünschten Effekt. Ein einziges menschliches Gefühl verankerte sich in ihm und das war der Neid. Gleichzeitig schrumpfte er auf Erbsengröße zusammen. Der Rückweg in die Irrwischwelt, in der er vielleicht einen Ausweg aus der Situation hätte finden können, war ihm verschlossen, da er nun ein menschliches Gefühl in sich hatte.

So führte er ein, aufgrund seiner Größe von niemand bemerktes, Leben voller Neid. Neid, der ihn ruhelos umtrieb. Schlimmer hätte es für sein Gefühl nicht kommen können.

Eines Tages hatte er das ungewohnte Gefühl, beobachtet zu werden. Also nicht richtig beobachtet, irgendwie wahrgenommen. Da war etwas, jemand der – nein es war eine sie, also eine Frau. Ach, er war ganz durcheinander.

Ja, eine Menschenfrau. Er fühlte sich, als sei er in ihr und würde gleichzeitig von ihr beobachtet. Seltsam.

Intuitiv wusste er, dass etwas geschehen war, was alles ändern könnte. Wie und warum dies geschehen war, wusste er nicht, aber er war in Verbindung mit dieser Frau das erste Mal neidlos. Wie erleichternd! Er konnte klar denken. Die Unruhe war weg. So konnte er sich ganz frei auf die Situation einlassen.

Huch, da war noch jemand, noch etwas, was mit ihm in Kontakt ging. Ah, jetzt verstand er es, es war die Seele der Frau. Die Frau selbst konnte nicht sprechen, nur wahrnehmen.

Die Seele erklärte ihm, dass er eine zweite Chance bekomme. Er könne sich frei entscheiden, ob er zurück in die Irrwischwelt möchte oder ganz Mensch werden. Im zweiten Fall würde er als Baby im Bauch der Frau reifen und bei der Geburt durch das Tor des Vergessens gehen. Erst wenn er seinen irdischen Körper wieder verlassen würde, bekäme er sein Bewusstsein zurück.

Der Irrwisch nahm sich Zeit für seine Entscheidung, er wollte nichts überstürzen, das hatte das letzte Mal ja fatale Folgen gehabt. Er wollte lieber doppelt sicher gehen. Er fragte die Seele der Frau viele Fragen, unter anderem auch, warum sie das machen wolle, ihn in ihrem Körper reifen lassen und als Kind annehmen. Sie konnte ihm keine Antwort geben. Es sei einfach so.

Nach einigem Hin- und Her gestand sich der Irrwisch ein, dass er sich in der Nähe dieser Frau unglaublich wohl fühlte und entschied, sich auf das Abenteuer einzulassen.

Es war ein erhebendes Gefühl, sich in dem Bauch der Frau einzunisten und mitzuerleben, wie er sich zu einem Menschenkind entwickelte.

Zum Glück war der Neid, obwohl er sich ja noch im Wandel befand, nicht zurückgekehrt. Die Frau schien ihn irgendwie davor zu schützen, wofür er sehr dankbar war.

Natürlich wusste er, dass dieses Gefühl auch zum Menschsein dazu gehörte und ihm wieder begegnen würde, aber als eines von vielen.

Fasziniert nahm er war, wie er wuchs und sich zu einem fertigen Kind formte, wie es immer enger wurde in dieser Bauchhöhle. So eng, dass er wusste, dass er bald den Weg des Vergessens gehen musste. Da drückte es ihn auf einmal so heftig rundherum zusammen, dass ihm gar nichts anderes übrig blieb, als sich auf den Weg zu machen.

Sie hielt erschöpft und glücklich ihr Baby in den Armen und dachte über die Vision, den Traum nach, den sie zum Zeitpunkt der Befruchtung gehabt hatte. Ob dieser hübsche, kleine Kerl in ihren Armen wirklich mal dieser Irrwisch gewesen sein sollte? Dann bräuchte er bestimmt viel Erdung. Das würde sie ihm schon beibringen, dachte sie und lächelte ihren Sohn voller Freude an. Der kleine Kerl nahm das Lächeln mit wachen, dunklen Augen auf und auch sein Mündchen verzog sich fast zu so etwas, wie einem Lächeln.

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