(Familien)Aufstellungen

Seit Jahren boomen sie, sind fast nicht mehr wegzudenken aus der  therapeutischen und esoterischen Arbeit. Ich habe vor 10 Jahren selbst eine Fortbildung zum sytemischen Familienaufstellen gemacht und sehe seit dem sehr kritisch auf das Ganze. Als ich das erste Mal bei einer Familienaufstellung war, hat mich die Intensität der Gefühle, die in den Aufstellungen offenbar wurde und das scheinbare Auflösen von destruktiven Dynamiken sehr fasziniert. Gleichzeitig war es wirklich spannend, in andere Personen „hineinzuschlüpfen“.  Ich war neugierig und wollte der Sache auf den Grund gehen, deswegen habe ich die Fortbildung angefangen.

Während der Fortbildung konnte ich viele Dynamiken und Aspekte beobachten, die mich sehr nachdenklich stimmten.

Außer einer mystischen, bekam ich keine Erklärung für das, was im Rahmen der Aufstellung passierte. Mir erschien Vieles willkürlich. Die Position der Leiterin war bedenklich, denn sie entschied, in welche Richtung die Aufstellung ging. Gleichzeitig leugnete sie ihren Einfluss und bezeichnete sich als „geführt“.

Mir wurde weder die Rolle und innere Haltung des Leiters, der Leiterin genügend reflektiert, noch die Gruppendynamik, die sich in der Aufstellungsgruppe selbst entwickelt.

Ich beobachtete interessiert die Wirkung auf verschiedene Personen.

  • Einige nahmen die von Bert Hellinger etablierte Ordnung als gesetzt hin und fingen an,  ihr eigenes Leben danach auszurichten und ihr Umfeld zu missionieren. Das nahm die abstrusesten Formen an. So erklärte mir eineTeilnehmerin entsetzt, dass ihre ganze Familie falsch am Tisch sitzen würde.
  • Nicht nur eine Person landete in einer vollkommenen Lebensverwirrung oder gar in der Psychiatrie.
  • Manche fingen wie verrückt an Ahnenforschung zu betreiben und ihre Familie in Aufstellungen zu zerpflücken, auf der Suche nach einer Erklärungen/ Ursache für ihr eigenes, für sie unbefriedigendes Verhalten oder Leben.
  • Andere wiederrum kamen einmal und das Erlebte ermöglichte ihnen einen neuen Umgang mit der Problemkonstellationen.
  • Für Manche war es ein spannendes Unterhaltungsprogramm oder Spielfeld. Ich nannte  sie für mich „Aufstellungs-Touristen“ , denn sie besuchten eine Aufstellung,  einen Anbieter nach dem anderen.

Auffallend war das Zusammenwachsen der Gruppe über die „dramatischen“ gemeinsamen Erlebnisse in den Aufstellungen. So schnell und offen werden sonst keine Gefühle gezeigt und geteilt. Da man in Aufstellungen in die Gefühle anderer „schlüpft“, kann man sie leichter da sein lassen, denn man zeigt ja „scheinbar“ nicht sich selbst.

Bedenklich finde ich

  • die Ordnungen nach Bert Hellinger – für mich gibt es keine feste, allgemeingültige Ordnung.
  • das Abgeben der Verantwortung von „geführten“ Aufstellungsleitern. Wir sind alle Menschen und haben blinde Flecken, die unser Verhalten beeinflussen. Gerade als Therapeut ist es wichtig sich dessen bewusst zu sein. Wer kann wirklich unterscheiden – falls es eine „Führung“ geben sollte – ob nicht gerade unser eigenes Unterbewusstsein geschickt die Fäden in die Hand nimmt?
  • die interne Gruppendynamik  – oft war ein „Richtig und Falsch“ zu spüren.
  • die schnelle und unreflektierte Nähe, die Sicherheit vermittelt und manch einen Dinge von sich zeigen lässt, die im Nachhinein sehr verstörend wirken.
  • der Exhibitionismus und sein Gegenspieler der Voyeurismus im Familienaufstellen
  • den maßlosen Raum von Interpretationen – ich habe ja in der Fortbildung die Meinungen und Interpretationen meiner Mitschüler gehört. Mir standen größtenteils die Haare zu Berge.
  • das ungefragte Eindringen und „Therapieren“ in Familiengenerationen – denn jetzt mal auf der mystischen Ebene betrachtet, wenn man wirklich energetisch in diese Systeme eindringen kann – wer gibt uns das Recht dazu. Oft werden Abwesende oder schon Verstorbene auf die „Bühne“ des Familienstellens geholt.  Unter dem Deckmäntelchen ihnen- ihrem Familiensystem helfen zu wollen. Nochmal: Wer gibt uns das Recht dazu?
  • das Betrachten dessen, was sich in einer Aufstellung zeigt, als die Wahrheit. Für mich sind es, wenn überhaupt, nur Teilaspekte des Ganzen. Eigentlich nur Möglichkeiten.

Trotzdem hat mich das Thema über die Jahre nie ganz losgelassen und ich habe immer wieder darüber gelesen, auch über verschiedenste Ansätze der Aufstellungsarbeit. Gerade in der Therapie gibt es sehr moderate Ansätze, die komplett weggehen vom Familienaufstellen hin zum plastischen Darstellen der Problemkonstellationen der Personen – nicht mehr im Gruppensetting, sondern im Einzelsetting.

Und da bin auch ich heute für mich angelangt. Es kann hilfreich sein, seine eigene Problemkonstellation plastsich zu erleben und spielerisch verändern zu können. Hier greift man aber nur ins eigene Denken und Sein ein.  Das der anderen geht mich/ uns meiner Meinung nach nichts an.  In diesem Rahmen kann auch jede/r in der eigenen Geschwindigkeit gehen und wird nicht von der Gruppendynamik beschleunigt.

Es geht darum, die eigenen Verhaltensmuster und Lebenseinstellungen mal spielerisch in Frage zu  stellen. In einem geschützten Setting Neues, auch scheinbar Unmögliches oder Paradoxes auszuprobieren. Und vielleicht geht es dem einen oder der anderen dabei so, wie mir in der Situation beim Laufen durch den Schnee (beschrieben im Beitrag „Yogaphilosophie“) und auf einmal tun sich neue, vorher undenkbare Möglichkeiten auf.

Das Familienstellen in der Gruppe bleibt für mich ein eindrückliches, interessantes Feld, da  in ihm viele  Gruppendynamiken und Fallstricke des zwischenmenschlichen Miteinander auf allen Ebenen sichtbar werden.   Leider werden diese aber, zumindest in den Settings die ich kennen gelernt habe, nicht offen betrachtet und reflektiert.

 

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