Monatsgeschichte

Entweder – oder! Oder nicht?

Bald war es Mai und bei der Vorstellung stürzte sie in ein tiefes, schwarzes Loch. Dieser doch eigentlich so schöne Monat war in ihr so schrecklich belegt. Die Erinnerung ließ sie schaudern. All die Gefühle waren so präsent, als würde es jetzt, in diesem Moment, wieder passieren.

Für diejenigen, die die Geschichte lieber hören wollen:

Eine erdrückende Schwere legte sich auf sie und machte ihr das Atmen schwer. Tränen stiegen in ihr auf. Waren es immer noch nicht genug der Tränen gewesen? Irgendwann musste das doch mal aufhören! Das war doch nicht richtig, dass die Vergangenheit das Jetzt verdrängte, raumgreifend die schon viel zu oft wiederholten Bilder, Gefühlsfilme im gesamten Sein platzierte, so, dass kein Entkommen möglich war. An allen Ecken blitzten ihr Erinnerungen entgegen, nutzten jegliches Türchen, um in sie einzudringen. Sie fühlte sich ausgeliefert, hilflos, wie damals. Es musste doch auch anders gehen!

Genug der Wiederholung, sie wollte den Mai wieder frei erleben, die Fesseln der Vergangenheit abstreifen. Sie fühlte, wie dieser Gedanke Kraft entwickelte, begann ihr den Rücken zu stärken, so, dass sich das Gefühl der Hilflosigkeit verlor.

Huch, das fühlte sich ganz ungewohnt an.

Plötzlich richtete sich ein Lichtkegel auf sie und sie wusste, dass sie jetzt im Rampenlicht stand. Dann hörte sie Applaus und Jubel. Sie hatte doch gar nichts gemacht?! Und dennoch fühlte sie, wie ihr die Bestärkung von dem unsichtbaren Publikum gut tat, ihr Mut machte.

Da sah sie zwei Tore vor sich auftauchen. Über einem stand „Mai bekannt“ über dem anderen „Mai unbekannt“. Sie wusste und spürte, dass das Publikum gespannt wartete, welches Tor sie wählen würde. Sie selbst war unsicher und beobachtete die Tore lange und nachdenklich. „Mai bekannt“ konnte ja bedeuten, dass ihr auch der Mai vor dem Erlebnis wieder zugänglich wäre und sie den ihr bekannten schönen Mai, nachdem sie sich seit Jahren sehnte, wieder finden würde. Aber natürlich würde sich dort auch die grauenhaften Erinnerungen befinden und es gab keinerlei Anhaltspunkte in welcher Form sie dort dem Bekannten begegnen würde. „Mai unbekannt“ schien erstmal die favorisierte Variante. Da würde sie dem Alten endlich entkommen. Aber wer wusste schon, ob sie da nicht vom Regen in die Traufe kam?

Da kam ein ungeduldiger Ruf aus dem Publikum „Gebt ihr doch Unterstützung!“ „Das muss sie selber machen, sonst bringt es nichts!“ antwortete eine andere Stimme. „Man könnte ihr doch wenigstens sagen, dass es nie nur die offensichtlichen Wege gibt, oder?“ „Na toll!“ antwortete eine dritte Stimme, deren Inhaber von dem Dialog enttäuscht schien. „Da könnt ihr ihr ja gleich sagen, wo sie eurer Meinung nach lang gehen soll! Nur weil ihr die Spannung nicht aushaltet!“ „Genau!“ „Seid doch mal ruhig!“ mischten sich noch andere ein. Langsam wich die ungeduldige Unruhe wieder und es bereitete sich erneut eine neugierige Spannung aus.

Sie hatte den Stimmen aus dem unsichtbaren Publikum aufmerksam gelauscht und dachte fieberhaft darüber nach, was es denn noch für Wege geben könnte. Was würde sie sich denn, wenn sie frei entscheiden könnte, für ein Tor wünschen? Sie grübelte und kam zu dem Schluss, dass sie keine Entweder-Oder-Entscheidung treffen wolle, sondern einen Weg voller Möglichkeiten wählen würde, der Raum für alles ließ – in dem sie mitgestalten könne. Ja, sie wollte frei gestalten können, im Mai, in ihrem Leben. Der Gedanke erfüllte sie mit Kraft und Leichtigkeit und sie hörte ein Knarzen und Schieben, welches im donnernden Applaus des Publikums unterging. Die beiden Tore verschmolzen zu einem, über dem jetzt nur noch „Mai“ stand.

Jedoch verhinderte ein dickes Vorhängeschloss das Öffnen. An dem Schloss hing ein Zettel. „Irreparabel“ stand darauf und sie sackte verblüfft und enttäuscht in sich zusammen. Der Weg war also keiner!, dachte sie frustriert.

Da erklang wieder die ungeduldige Stimme aus dem Publikum „Mensch, lass dich doch nicht so schnell entmutigen. Guck doch richtig hin, anstatt die Sachen so aufzufassen, wie du es gewohnt bist!“ „Jetzt halt doch mal die Klappe!“ kam eine erboste Erwiderung.

Und wieder hatte sie aufmerksam zugehört. Was sollte das heißen, dass sie die Sachen auffasste, wie sie es gewohnt war? Da stand doch irreparabel und das bedeutete doch, dass dieser Weg auf ewig verschlossen war.

Irreparabel … sie ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen und erkannte erst jetzt den Widerspruch. Das Schloss war doch funktionstüchtig und nicht kaputt. Das machte ja gar keinen Sinn, lachte sie verwirrt. Dann gab es vielleicht doch eine Möglichkeit das Tor zu öffnen? Huch, jetzt stand ein Reim auf dem Zettel am Schloss.

Umsonst kommst du hier nicht rein,

ins einfache Maien-Sein.

Lass alle hier Anwesenden teilhaben,

an etwas, was sie wird laben

und aus deinem tiefsten Innern kommt!

Ohne weiter nachzudenken stimmte sie ein Lied an, welches es immer vermochte ihr Herz zu öffnen. Das Singen richtete sie auf und voller Anmut gab sie sich dem Herzenslied und der Sangesfreude hin. Spürte, wie die Energie ihres Tuns sich in dem ganzen Raum ausbreitete und hörte zu ihrer Freude, wie das Publikum nach und nach einstimmte. Nach dem Ausklang trat eine wohlgefüllte Stille ein, ein Moment tiefen Seins.

Ein leises „Pling“ löste die Stille ab und sie sah, dass das Schloss aufgesprungen war. Sie ging auf das Tor zu und öffnete es. Mit Tränen in den Augen drehte sie sich noch einmal um und sang ein Danke in den Raum.

„Und vergiss nicht, immer genau hinzuschauen!“ konnte sich die ungeduldige Stimme nicht verkneifen ihr mit auf den Weg zu geben, während die anderen mit einem „Schhhh…“ reagierten und sie dann wortlos durch`s Tor verschwinden sahen. Erst als sie wussten, dass sie außer Hörweite war, fingen sie an zu feiern und lagen sich voller Freude in den Armen. Wieder hatte es eine geschafft, einen neuen Weg zu finden. Wie schön!!!

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