Monatsgeschichte

Neue Wege

„Oje, das alles braucht ja eine Ewigkeit“, dachte Marie, als sie sich die entstehende Straße anschaute. Soviel versprachen sie sich alle von diesem neuen Weg, der entstehen sollte. Er solle alles einfacher und unabhängig von Wind und Wetter machen. Zuverlässig und geradlinig solle er sein, alles verbindend und so weiter und so fort. Marie war sich nicht so sicher, beobachtete das Geschehen aber neugierig.

Die ersten Meter waren schon geteert. Ja, wirklich interessant dieser Untergrund, wetterbeständig, fest, haltgebend…

Über Jahre beobachtete Marie, wie dieser neue Weg wuchs, sich gabelte, verästelte wie ein Baum oder besser wie ein Fluss, sich immer neue Wege suchend. Immer mehr Menschen bauten mit an den Straßen, immer mehr verließen die Straßen gar nicht mehr, da die Natur ihnen nicht die Sicherheit und Verlässlichkeit der Straßen geben konnte. Kaum jemand merkte, dass die neuen Wege dazu führten, dass sie verlernten in der vormals normalen Natur zurecht zu kommen, kaum noch auf unebenem Boden laufen konnten. Viele bekamen sogar Angst vor der Unberechenbarkeit der Natur und verboten ihren Kindern das Verlassen der Straßen. So merkten sie auch nicht, dass sie zunehmend „Gefangene“ des neuen Weges wurden. Und die, die es merkten, lenkten sich mit dem Gedanken ab, wie toll es doch sei, sich eigene Wege zu bauen. Sie glaubten an den Fortschritt und die Machbarkeit der eigenen Wege, der eigenen Freiheit durch die Straßen. Sie müssten nur weiterentwickelt werden.

Marie hatte nie aufgehört, die Straßen zu verlassen und sich in die Wildnis, wie sie jetzt genannt wurde, zu begeben. Sie mochte beides, die Wildnis und die neuen Wege.

Als die Straßen eines Tages anfingen unter der Dauerbewegung der Menschen und der dadurch entstehenden Belastung aufzureißen, Löcher zu bekommen, abzusinken, begannen alle von der Angst getrieben ihre Sicherheit zu verlieren, wie wahnsinnig die Straßen zu flicken, auszubessern, die Löcher zu stopfen.

Dass das Straßenmaterial, also der Teer, zunehmend weniger wurde, verheimlichten die Zuständigen, um die anderen nicht zu beunruhigen. Aber eines Tages kam es doch ans Licht und eine Massenpanik war die Folge. Nachdem alle wie verrückt durcheinander gelaufen und geredet, geschrien und geweint hatten, entschieden sie, die Belastung zu kontrollieren, um die Sicherheit aufrecht zu erhalten. Es durfte nurnoch die Straße benutzen, wer einen Passierschein hatte und diese wurden rationiert. Natürlich wollte sich niemand wirklich in seiner Bewegungsfreiheit einschränken lassen und so blühte ein Schwarzmarkt und Fälscherring auf.

Marie staunte nicht schlecht, dass die Menschen gar nicht auf die Idee kamen, die Straßen zu verlassen, sondern sich lieber auf Kämpfe über die Straßenrechte einließen. Sie versuchte immer mal wieder einige mitzunehmen in die sogenannte Wildnis, aber die Menschen waren so verängstigt, dass sie nicht wollten. So besann sich Marie darauf, die durch zunehmende Bandenkämpfe immer häufiger hilflos auf der Straße liegengelassenen Verwundeten in die Wildnis zu bringen, sie gesund zu pflegen und ihnen das Leben fernab der Straßen wieder beizubringen. Die meisten entschieden sich jedoch zurück auf die Straßen zu gehen. Nur wenige blieben in der Wildnis und bildeten eine Gemeinschaft, die weiter die Verwundeten der Straße versorgte und sie einlud bei ihnen zu bleiben.

Einige Zeit ging es einfach so weiter, bis der Teer wirklich komplett verbraucht war und die entstehenden Risse, Löcher und Absenkungen durch nichts mehr zu stopfen waren. So geschah es, dass die tollen sicherheitbringenden Straßen – ja, es gab tatsächlich immer noch viele Verfechter dieser Ansicht – zunehmend unter der trotz Sanktionen und Bandenkämpfen gleichbleibenden Belastung an Substanz verloren. Mittlerweile hatten sich die „Wilden“, wie sie unter den Straßengläubigen genannt wurden, überlegt, ob sie dem Wahnsinn, dem ihre Mitmenschen verfallen waren, ein schnelleres Ende bereiten könnten. Aber bei aller Überzeugungsarbeit, die sie leisteten, kamen sie gegen die festgefahrenen Gedanken der Menschen nicht an. So würde wohl die Zeit für sie spielen müssen, da der Verfall des Teers absehbar war.

Womit alle nicht rechnen konnten, war, dass eine sehr kraftvolle, alte Ulme ihre Samen in die Schlaglöcher und Risse verteilt hatte und ihre unglaublich schnell wachsenden Schößlinge anfingen, den eh schon bröckeligen Teer mit der aus den Wurzeln kommenden Kraft gänzlich zu sprengen. Die Wege verloren sich in entstehenden Wäldern und die Menschen versanken, aufgrund des Verlusts ihrer Sicherheit, in eine tiefe Depression und Bewegungslosigkeit. Wurden heimgesucht von ihren Ängsten und Alpträumen, die ihnen die Zerstörerkraft, die ihr Tun und Denken hervorgebracht hatte, widerspiegelten. Es brauchte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie sich davon erholt hatten und wieder offen waren für die einfache Schönheit und Fülle des Lebens.

Und ausgerechnet da war es Marie, die den Straßenbau mit neuem Material wieder aufnahm und sich dabei lächelnd ihrer Freundin der Ulme zuwandte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.