Monatsgeschichte

Betrug?

Das Ypsilon fand den Einstieg nicht. Was es auch probierte, es fand ihn nicht. Passte alles nicht. Ob das jetzt eine Notsituation war? „Ach Quatsch“ lachte das Ypsilon „Wer sagt denn, dass ich hier überhaupt einsteigen soll?!“ Und trotzdem schaute es ein bisschen neidisch zu, als ein Buchstabe nach dem anderen im Buch verschwand. Eine Gemeinschaft, der das Ypsilon auch gerne beigewohnt hätte. Die ergaben miteinander Sinn.

Und ehe es sich versah, wurde das Ypsilon geschnappt, in Silber gegossen, mit Stecker versehen und landete – nachdem es ein paar Tage die Vitrine eines Schmuckladens zieren durfte – als Nasenstecker in einer hübschen kleinen Nase und begab sich, diese Nase zierend, auf Weltreise. Ja, es lernte dadurch viele Länder kennen, konnte viele verschiedene Eindrücke sammeln. Alles schön und gut. Aber irgendwie fühlte es sich doch inhaltsleer und zweckentfremdet; träumte immer häufiger davon, doch den Einstieg zu finden und Teil dieser wunderbaren Buchstabengesellschaft zu werden, die sich gemeinsam ausrichteten, um Botschaften in die Welt zu bringen.

Als nasezierendes Ypsilon hatte es einzig und allein die Bedeutung eines Schmuckstücks. Es wurde von seiner Besitzerin aus Ästhetikgründen ausgewählt, die dem Buchstaben als solches gar keine Bedeutung beimaßen.

Und dann kamen sie in ein Land, in dem seiner Besitzerin alles Hab und Gut abgenommen wurde. Sogar der Nasenring wurde ihr genommen. Das Ypsilon wurde eingeschmolzen und somit wieder freigesetzt.

Huch, jetzt, wo alle Möglichkeiten wieder offen waren, fühlte sich das Ypsilon gar nicht so glücklich und frei, wie erwartet. Endlich hatte es die Möglichkeit, sein Leben wieder in die Hand zu nehmen und fühlte sich einfach nur komisch. Lustlos suchte es den Einstieg zur Buchstabengesellschaft und fand ihn. Aber es war sich nicht mehr sicher, ob es dort wirklich noch rein wollte.

Es hatte die Buchstabengesellschaft immer als DIE Möglichkeit gesehen und ihr die ganze Pilgerschaft als Nasenring nachgetrauert; war so mit seinem Wunsch nach dieser Gemeinschaft verbunden gewesen, dass es die Pilgerjahre mehr in seiner Gedanken-/ Wunschwelt gelebt hatte, als sich der realen Welt zu öffnen. Und jetzt konnte sein Wunschtraum wahr werden und es zögerte, wusste nicht mehr was richtig war.

Nasenring sein war es aber auch nicht, soviel war klar! Mutig sein und sich entscheiden? Mutig sein und sich nicht entscheiden? Einfach was ausprobieren, um herauszufinden, wie es wirklich ist?

Da kam die Buchstabenwelt auf es zu und lud es ein Teil eines sehr innovativen Gedichtes zu werden, mit dem schönen Namen „Yesterday“. Es wäre somit Anfang und Ende des Vergangenen.Wollte es das?

Das Ypsilon war vollkommen überfordert, verwirrt, gefühlt außer sich; konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sein Körper schmerzte, zerrte und schwoll an. Es hatte das Gefühl auseinander gerissen zu werden. Irgendwas in ihm fing an sich zu strecken, es wurde immer linkslastiger, bis es das Gleichgewicht verlor und kippte. Aber erstaunlicherweise fiel es nicht, sondern landete sicher. Stand so stabil wie noch nie, fühlte sich unglaublich wohl und ganz anders verbunden.

Verblüfft riefen die Zuschauer der Verwandlung „A, ein A“ Ganz neue Welten taten sich vor ihm auf. Auch wenn manche Neidischen, die so etwas noch nie erlebt hatten, meinten, das sei Betrug.

Lächelnd schaute das A in die Welt, in der Alles möglich war.

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