Abschied

Das Leben ist Wandel. Damit Neues entstehen kann, muss  Altes losgelassen gewerden. In diesem Jahr sind es die Namensgeschichten, die mich 2 Jahre auf sehr lebendige, spannende Weise begleitet haben. Ich schaue dankbar zurück und freue mich über das Vertrauen der vielen Auftraggeber. Dank ihnen ist ein reicher Fundus an freigegebenen Geschichten entstanden, aus dem ich dieses Jahr eine pro Monat für alle Interessierten hier veröffentlichen werde. Wer  neugierig ist auf die erste Geschichte sollte hier weiterlesen.

Auf der Suche nach Geborgenheit

Bähähähhh“ klang es von der Wiese, auf der die Schafe weideten. Ein traumhaft schöner Tag! „Und was mache ich jetzt mit dem?“ fragte sich Ulla. Es fiel ihr partout nichts ein. Leere. Nichts.

Sie spürte die Sonne auf ihrer Haut. Noch angenehm wärmend, vielleicht bald zu warm, brennend. Bei dem Gedanken erinnerte sie die Gefühle von sonnenverbrandter Haut und fühlte sich nicht mehr wohl. Sie zog sich zurück in den Schatten des Apfelbaums. Wie gut! Aber da fing es an zu krabbeln. Ameisen. Mist, sie saß scheinbar direkt auf einer Ameisenstraße. Blöde Viehcher. Sie schüttelte und streifte sie ab. Jedoch hatten einige etwas dagegen und hinterließen dicke, rote Placken auf ihrer Haut. Man, juckten die und brannten auch noch gleichzeitig. Ulla verließ den traumhaft schönen Tag und zog sich in ihre vier Wände zurück, pflegte ihre Wunden und erholte sich erstmal von den Unannehmlichkeiten.

Sie ließ den Tag dann gemütlich ausklingen und freute sich schon auf morgen. Morgen wollte sie einen ganz besonderen Ausflug machen.

Ganz in der Nähe gab es eine Vulkaninsel, mit einem noch aktiven Vulkan. Den wollte sie gerne näher besichtigen und hatte sich einer Forschergruppe angeschlossen, die morgen auf die Insel fahren wollte, um Erdproben zu nehmen.

Trotz der reizenden Ameisensouvenire konnte sie gut schlafen und richtete voller Freude am Morgen alle Sachen, die sie für den Ausflug brauchte. Sie war gut vorbereitet und fühlte sich sicher und wohl. Auf ging`s, ins Abenteuer.

Auf dem Boot angekommen, mussten sie noch eine halbe Stunde warten, bis der Forschungsleiter endlich da war. Ulla vertrieb sich die Zeit mit einer Erkundungstour des Bootes und des Teams. Naja, so richtig vertrauensvoll fand sie die Leute und das Boot nicht, aber für einen Tagesausflug würde es reichen.

Und endlich wurde der Anker gelichtet und sie fuhren los. Ulla genoss den Wind und den Meergeruch, der in ihr immer ein Gefühl von Freiheit auslöste.

Da kam die Insel in Sicht und der Anblick ließ ihr Herz schneller schlagen.

Sie würden ca. 3 Stunden brauchen für den Aufstieg, erzählte ihr ein junger, etwas verlottert aussehender Mann. Gut, darauf war sie vorbereitet.

Sie ankerten und fuhren mit dem Ruderboot an Land. Auf für Ulla unnachvollziehbarem Weg durch ein Wirrwarr an Pfaden stiegen sie den Vulkan hoch. Sie musste sich so sehr auf`s Laufen und Mithalten mit den anderen konzentrieren, dass sie kaum etwas um sich herum wahrnehmen konnte. Oben angekommen, war sie vollkommen erschöpft und entnervt, ohne von irgendjemand Verständnis entgegengebracht zu bekommen. Ganz im Gegenteil, fühlte sie sich, als sei sie Ballast für das Forscherteam.

Dabei hatte sie das doch extra vorher im Gespräch abgeklärt und versichert bekommen, dass sie willkommen sei. Blöd kam sie sich vor und alleine.

Nach kurzer Absprache ließen sie Ulla am Ort zurück, damit sie sich erholen könne und stiegen weiter auf den Kraterrand.

Nachdem sie etwas gegessen und getrunken hatte, beschloss sie den anderen, langsam, in ihrer Geschwindigkeit hinterher zu steigen. Auch wenn das nicht abgesprochen war. Schritt für Schritt arbeitete sie sich über das Geröllfeld hoch und wurde zunehmend unsicherer, ob das nicht zu gefährlich sei. Aber jetzt hatte sie schon die Hälfte geschafft, jetzt wäre es ja auch blöd zurück zu gehen. Also weiter! Und schließlich kam sie am Kraterrand an und konnte die dampfende Lava sehen. Welch Belohnung für diesen Aufstieg.

Von dem Forscherteam sah sie irritierender Weise niemanden. Dafür spürte sie auf einmal ein Vibrieren unter ihren Füßen. Es schwoll an und gleich der Kohlensäure im Wasser begann die Lava zu sprudeln. Lavatropfen stoben in die Luft und kamen ihr bedenklich nah.

Das löste zunehmende Angst in Ulla aus, denn nach der ersten Entladung, fing das Vibrieren schon wieder an. Sie wurde bleich und schaute sich voller Panik das Gefälle des Geröllfeldes an, das sie emporgestiegen war. Wie sollte sie da schnell und heil wieder runter kommen? Ein Lavatropfen stieg vor ihren Augen in die Luft, verharrte einen Augenblick, bevor er wieder in der Tiefe des Kraters verschwand. Wäre das nicht alles so lebensbedrohlich, hätte sie die Ästhetik des Lavatropfenspiels sicher genießen können, aber so versucht sie die Panik niederzukämpfen, um sich nicht beim Abstieg den Hals zu brechen. So schnell es ihr möglich war lief sie über`s Geröllfeld.

Weiter das Vibrieren des Berges wahrnehmend, verlor sie nach und nach die Beherrschung und wollte nur noch voller Panik die Insel verlassen. So stoppte sie nicht an dem vereinbarten Treffpunkt, sondern rannte einfach weiter. Das Gefälle der sandigen Pfade ignorierend, glitt sie ein um`s andere Mal aus und landete zum Glück jedoch nur immer wieder auf ihrem Allerwertesten, ohne sich wirklich zu verletzen.

Instinktiv hatte sie die richtigen Pfade gewählt und kam vollkommen verdreckt und zerbeult am Boot an, wo sie der Kapitän mit erstaunten und belustigten Augen empfing. Er hatte schon immer gesagt, dass es Schwachsinn sei, Touristen mitzunehmen, da es mit den meisten Scherereien gab. Aber die Forscher konnten die zusätzlichen Finanzspritzen einfach zu gut gebrauchen.

Er holte die verwirrte, erschöpfte Frau auf`s Boot und gab ihr erstmal einen Schnaps zu trinken, während er dem Forschungsleiter per Handy erklärte, dass das aufgescheuchte Touristenhühnchen wieder an Bord sei. Ulla fühlte sich von dem Kommentar mehr als betroffen. Sie wurde wütend auf sich selbst, die Situation, das Forscherteam, den Kapitän und brach darüber in Tränen aus.

Tief durchschnaufend nahm der Kapitän das Häufchen Elend in den Arm und sie ließ es zu.

Was eine schöne, schutzgebende, beruhigende Umarmung, dachte Ulla erstaunt. Alle Anspannung wich aus ihrem Körper. Sie sackte in sich zusammen und ließ es zu, dass der Kapitän sie auf die Arme nahm und in die Kajüte brachte, um sie sanft in die Koje zu betten. „Nicht weggehen, bitte“ entschlüpfte es ihr und er setzte sich zu ihr, bis sie eingeschlafen war.

Sie genoss die Geborgenheit, die seine Berührung in ihr auslöste in vollen Zügen. Wie schön!

„Seltsam, dass man für dieses Gefühl der Geborgenheit erst Vulkane besteigen muss“ waren die letzten Gedanken, bevor sie glücklich einschlief.

 

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