Monatsgeschichte

Die Wanderung

Da ging ihnen das Herz auf. Was für ein wunderschöner Blick auf Tal und Berge. Immer wieder berührend, solch ein Anblick. Und dann noch die klare Luft, die wohlig ihre Lungen durchflutete und durch das Blut nach und nach den ganzen Körper erfrischte. Was gab es Besseres? Ein Moment der Ewigkeit, des Glücks.

„Hicks“ machte es und der Moment war vorbei, durch den Schluckauf einer der Wandergesellinnen gleich einer Seifenblase geplatzt. Schade.

Der penetrante Schluckauf war durch nichts zu verscheuchen und nach vielen verzweifelten Versuchen, die die Geschüttelte mit Galgenhumor hinnahm, gaben sie es auf. Sie machten sich einen Spaß und nahmen den Schluckauf als Taktgeber für ihr Weiterwandern und ergänzten ihn durch allerlei andere Geräusche, bis er in einem verrückten, vieltönigen Klangteppich einfach unterging und sich schließlich komplett verlor. „Na also, geht doch“, lachten sie zufrieden.

Sie liefen fröhlich weiter und fanden eine Semmel auf dem Weg liegend und noch eine etwas abseits vom Weg. Das war ja etwas größer dimensioniert, wie bei Hänsel und Gretel – sollten sie den Semmeln folgen und den Weg verlassen? Die Abenteuerlust siegte. Sie machten sich auf, die Semmeln zu sammeln und zu schauen, wo sie das hinführen würde. Dabei kamen sie sich vor, als würden sie Schritt für Schritt in eine Märchenwelt eintauchen und nahmen sich sicherheitshalber bei der Hand. Ein bisschen mulmig wurde ihnen, als die Semmeln sie in einen immer dunkleren, undurchdringlichen Wald führten. Naja, zumindest hatten sie jetzt genügend Proviant! „Wäre nur schön, es würde vielleicht noch ein bisschen Butter, Wurst und Käse hinzukommen“, witzelten sie.

Den Semmeln folgend gelangten sie schließlich auf eine Lichtung, auf der ein unglücklich aussehender Ochse stand, der langsam und hilfesuchend auf sie zugehinkt kam. Aha, die erste Aufgabe – in Märchen gab es doch immer drei Aufgaben, die man erledigen musste, oder? Sie gingen auf ihn zu, streichelten ihn, anfangs noch etwas argwöhnisch. Die Reiterin unter ihnen sah sich den Huf fachmännisch an und entfernte mit einigem Kraftaufwand einen Dorn, der das Tier geplagt haben musste. Der Ochse zuckte zusammen, hielt aber sonst ganz tapfer Ruhe und bedankte sich in Form eines Zungenkusses, der nicht so wirklich voller Freude aufgenommen wurde, aber zu herzhaftem Lachen der Umstehenden führte. Und dann verschwand er, wie im Märchen, schneller als sie gucken konnten. Und jetzt?

Sie suchten den Boden nach weiteren Semmeln ab, fanden aber keine mehr. Und dann ein ungläubiger Ausruf: „Schaut euch das mal an!“

„Tja, so ist das, wenn Wünsche wahr werden,“ lachten sie, als sie entdeckten, dass ihr Weg von hier an durch in den Bäumen hängende Würste markiert war. Also weiter.

Die Würste endeten einfach mitten im Nirgendwo. Ratlosigkeit machte sich breit.

Da hörten sie eine Stimme lamentieren, mal wütend, mal traurig und sie liefen auf die Stimmquelle zu. Ein altes Weiblein, ganz so, wie man es sich im Märchen vorstellte, saß auf einem Baumstumpf und sah ihnen verzweifelt entgegen. Oder blitzte da auch etwas Belustigtes in den Augen? Wenn ja, war es nur für einen Sekundenbruchteil zu sehen, dann war das Schauspiel wieder perfekt.

Nicht ganz so froh waren sie über den Ausgang dieser Aufgabe. Denn das Weiblein erzählte ihnen, dass es die Wochenration an Semmeln und Würsten für das ganze Dorf transportiert und nur kurz gerastet habe und wohl eingeschlafen sei. Als sie aufwachte, war alles weg und damit ihr ganzes Hab und Gut. „Das sei ihr Ruin!“, jammerte sie.

Klang zwar etwas überzogen für heutige Verhältnisse, wo man täglich im Supermarkt für wenig Geld genug zu Essen bekommt. Aber was sollte es. Sie gaben dem Weiblein die gesammelten Semmeln und Würste. Erboten sich noch, sie ihr nach Hause zu tragen, aber da war sie schon verschwunden.

Seltsamerweise bekamen sie alle genau da Hunger und konnten sich nichts Leckereres vorstellen als Brötchen mit Wurst. Blöd. Kurz überlegten sie, ob sie sich jetzt auch hinsetzen und jammern und lamentieren sollten. Vielleicht würde ja was Überraschendes passieren?!

Dann entschieden sie jedoch, sich erst mal umzugucken, ob es neue Wegweiser gäbe. Sie fanden nichts und setzten sich hungrig und orientierungslos nieder, um zu beratschlagen. Also, zwei Aufgaben hatten sie ja schon erfüllt. Dann stand wohl noch eine aus und im Märchen kam die ja auch immer irgendwie einfach daher. Vielleicht mussten sie nur warten? Sie fingen an, anstatt ihre Bäuche mit Essen, sich durch Fantasie zu nähren. Malten sich in bunten Farben aus, wie ihr Märchen wohl ausgehen würde, was wohl ihre Belohnung wäre. Eine wünschte sich einen Prinzen, eine andere wollte nur wohlbehalten wieder nach Hause. Eine wünschte sich einen Goldschatz, eine andere würde sich mit einem Festmahl begnügen und die Letzte im Bunde wünschte sich eine Elfenfeier als Belohnung…

So ging die Zeit ins Land und die Abenddämmerung hielt Einzug. Sie beschlossen, ihre Isomatten und Schlafsäcke auszupacken und hier zu nächtigen, um morgen weiter zu schauen. Mit knurrendem Magen lagen sie eng aneinander gekuschelt, jede in ihrer eigenen Gedankenwelt versunken, die langsam überglitt in die Traumwelt. Und in den Träumen setzte sich das Märchen für jede von ihnen individuell fort.

Am nächsten Morgen kehrten alle zurück auf die irdische Welt, schälten sich langsam aus den vom Morgentau klammen Schlafsäcken und bewegten die teils steifen Glieder. Sie sahen Licht durch die Bäume scheinen und folgten ihm in der Hoffnung, Orientierung zu finden. Jetzt ging es darum, auf den Boden der Tatsachen zurück zu finden, denn an wirkliche Märchen glaubten sie ja alle nicht.

Sie verließen den Wald … und konnten es nicht fassen. Sie waren an einer Lichtung fast direkt neben ihrem Startplatz und da war ein Riesenbüfett aufgebaut und eine ganze Gesellschaft von Menschen, die sie freudig einlud, an ihrem alljährlichen Märchenfrühstück teilzunehmen. Sie sahen auch eine ältere, schicke Dame, die dem Weiblein in ihrer Märchenerfahrung ähnlich sah. Was war jetzt Traum, was war Wahrheit?

Sie genossen erstmal das reichaltige Frühstück und gingen dann nach und nach in Austausch über das seltsam Erfahrene und ihre Träume. Doch je öfter sie darüber redeten, desto mehr verschwamm alles, desto unklarer wurden die Grenzen von Wahrheit und Fantasie.

Ganz nebenbei erfüllten sich übrigens ihre Wünsche. Eine fand ihre große Liebe, eine andere ihre Zufriedenheit im Nachhause kommen, eine machte eine unerwartete Erbschaft. Das Festmahl hatte sich ja direkt am nächsten Tag erfüllt und die Letzte fing an, die Elfenwelt in Form von Gedichten und Bildern in sich lebendig werden zu lassen und tauchte so immer wieder ein in Elfenfeiern, die sich genauso echt anfühlten, wie ihre Märchenerfahrung. Ob nun wirklich oder nicht, ist doch egal, oder?

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