Vom Tod und vom Leben

Ich möchte heute meine ganz persönliche Geschichte im Umgang mit dem Tod und damit auch mit dem Leben erzählen.

Für mich war und ist der Tod nichts Schlimmes.

Der erste tote Mensch, den ich in meinem Leben gesehen habe, war meine Oma „Westbevern“. Wir haben unsere Omas nach den Orten benannt, an denen sie lebten. Ich war 10 Jahre alt und empfand den Tod als ganz natürlich, nichts besonderes. Ich sah und fühlte die Traurigkeit meines Umfelds, was mich berührte, hatte aber selbst kein Gefühl von Traurigkeit in mir. Für mich war es etwas, dem ich ganz offen und unbefangen begegnete.

Der nächste tote Mensch, den ich sah, war ein alter Mann im Krankenhaus. 13 Jahre später. Ich machte zu der Zeit ein Praktikum auf der Station für Inneres. Es war ein Mann der sehr wütend und unglücklich in den Begegnungen war, weil er nach Hause wollte. Er wollte nicht im Krankenhaus sein. Trotz seiner Unfreundlichkeit, die auch ich zu spüren bekam, tat er mir leid. Es schmerzte mich, dass er es nicht mehr nach Hause geschafft hatte und an dem ihm unliebsamen, fremden Ort verstarb.

Ich fand das nicht richtig.

Eine weitere Tote folgte in diesem Praktikum. Meine Oma „Bodensee“. Sie kam, geistig schon weit weg, ins Krankenhaus und die Schwestern und Ärzte sorgten dafür, dass sie, nachdem sie erst auf der Nachbarstation lag, auf „meine“ Station geholt wurde. Wofür ich ihnen sehr dankbar war. So konnte ich immer wieder nach ihr schauen. Einmal rief sie sogar meinen Namen, was mir deutlich machte, dass sie mich noch wahrnahm. Sie war so vielleicht nicht so allein an diesem fremden Ort, wie der alte Mann. Natürlich bekam sie viel Besuch von meiner Familie. Aber ich glaube, es ist etwas anderes, wenn auch die pflegerischen Tätigkeiten, die ihr sehr unangenehm waren, teilweise von nahen Personen ausgeführt werden.

Ihren letzten Atemzug habe ich nicht mitbekommen, da ich bei anderen Patienten war. Aber ich durfte sie mit „fertig“ machen und konnte fühlen, wie die Wärme ihren Körper verließ. Konnte sehen wie die Hautfarbe von rosig zu wächsern wechselte. Es war für mich wieder etwas ganz Natürliches und ich war froh, dass ich sie auf diese Weise begleiten durfte.

Es folgte ein faszinierende „Gegen-Erfahrung“. Ich durfte ein Jahr später bei der Geburt meines Neffen dabei sein. Sah, wie hier „Ähnliches“ geschah. Ein kleines Menschlein, nachdem es sich aus dem Körper der Mutter gelöst hatte, die Farbe des Lebens annahm und seinen ersten Atemzug tat. Schön!

Geburt und Tod, der Weg rein in diese Welt und der Weg raus aus dieser Welt, sind in mancherlei Beziehung erstaunlich ähnlich.

Weitere 5 Jahre später begegnete mir der Tod dann in geballter Form in einem Altersheim, in dem ich während meines Studiums arbeitete. Wir hatten gemeinsam eine schöne Zeit in meinen Psychomotorik-Stunden, die ich dort unterrichtete. Ich kannte alle TeilnehmerInnen persönlich und ging jede/n Einzelne/n immer für die Stunde abholen. Mir machte die Arbeit und das Miteinander viel Freude.

Dann kam der Herbst und mehrere meiner TeilnehmerInnen verstarben hintereinander. Ich besuchte sie auch noch, als sie schon weit davon weg waren, nochmal teilnehmen zu können. Sah, wie eine mir sehr ans Herz gewachsene Frau immer weniger wurde, das Leben in kleinen Etappen aus ihr wich. Andere waren nur einfach nicht mehr da, als ich kam.

Schwierig war auch hier für mich nicht das Sterben als solches, sondern, zum einen, dass es so viele auf einmal waren und zum anderen, dass die Zimmer – logischerweise – sofort neu vergeben wurden und ich genauso schnell „ErsatzteilnehmerInnen“ für meinen Kurs bekam. Ich hätte eine Übergangszeit gebraucht. Fühlte mich überrumpelt von dem schnellen Wechsel ohne Abschied.

Vielleicht hätte ich einfach immer ein Abschiedsritual in der Gruppe machen sollen, so dass die, die das Leben verlassen haben, nochmal richtig gewürdigt worden wären und nicht einfach ersetzt. Ich glaube, das hat mir gefehlt und es in Teilen überfordernd gemacht. Nur hatte ich damals nicht die Idee dazu.

Es folgten zwei abstrakte Begegnungen mit dem Thema Sterben, die für mich lehrreich waren.

Eine in Form einer Familienaufstellung, in der ich Stellvertreterin für ein Kind war, das in der Badewanne ertrunken ist. Es war erstaunlich, wie unbedarft ich das als dieses Kind „wahrgenommen“ habe. Es war einfach so – ohne Wertung, ohne Angst, ein Hauch von Erstauntsein.

Und in Form eines Traumes, in dem ich in einen Wasserstrudel geraten bin, bei dem klar war, dass ich es nicht mehr zurück an die Wasseroberfläche schaffen würde. Als ich das erkannte, dachte ich, dann ist es jetzt halt so und ließ los. So frei und unbeschwert wie in diesem Moment im Traum, habe ich mich noch nie zuvor gefühlt. Tief beeindruckend.

Im Alter von 31 Jahren nahm das Leben mich mit in eine Erfahrung, die mich den Zyklus von Leben und Tod in einer Intensität erleben ließ, die mich nachhaltig veränderte.

Ich durfte die Geburt meiner Nichte miterleben. Sah sie ins Leben kommen, ihren ersten Atemzug nehmen.

Es war schnell klar, dass ihr nur ein kurzes Leben möglich sein würde und auf diese Weise lehrte mich diese kleine Maus hemmungslos zu lieben.

Vorher war ich vorsichtig und verunsichert, was die Liebe anging. Aber hier war klar, dass jeder Moment zählte. Zögern fehl am Platze war, da ein Nachholen wahrscheinlich unmöglich sein würde. Ich machte mein Herz komplett auf und war einfach da.

Das waren die intensivsten drei Wochen meines Lebens. Ich durfte auch bei Helenas Sterbeprozess dabei sein und sie dabei sogar mal eine Zeit auf dem Arm halten. Sie in eine Atempause begleiten, bei der nicht sicher war, ob es eine Pause oder schon der letzte Atemzug gewesen sein könnte. Was ein Geschenk! Ihren wirklichen letzten Atemzug habe ich aber nicht mitbekommen. Den nahm nur noch ihre Mutter bewusst wahr.

Ich empfand dabei tiefe Ehrfurcht vor dem Leben. Das Leben ist ein Geschenk, egal wie lange es dauert. Und die ganzen „Mauern“ die das Leben mich durch unangenehme Erfahrungen hatte in mir bauen lassen, die der Liebe im Weg standen, waren in dieser Zeit eingestürzt. Sonst hätte ich nicht in dem Maße präsent sein können.

Es blieb nicht so. Einige Mauern richteten sich wieder auf. Es war auch Schutz nötig, um aus dieser Ausnahmezeit, die auch wie eine Zeit außerhalb der Zeit war, wieder zurück in die „normale“ Welt zu finden. Dennoch habe ich durch Helena erfahren dürfen, wie es ist – ohne Mauern – zu lieben. Dass dies möglich ist und was dabei an Kraft freigesetzt wird.

Noch offen von dieser Erfahrung lernte ich Bernd, meinen Freund, kennen und seit dem bauen wir ein Mäuerchen nach dem anderen in uns bewusst ab.

An meiner natürlichen Haltung zum Tod hat sich nie etwas verändert und ich habe schon Menschen angeboten, bei ihnen zu sein, wenn sie nicht alleine „gehen“ wollen.

Auch bot ich ein Jahr lang in dem Kinderhospiz, in dem Helena gestorben ist, kostenlos Massagen an. Für die Kinder, die Eltern, das Personal. Zusammen mit meiner Schwester.

Wir konnten auf diese Weise noch viel lernen. Vor allem, wie unterschiedlich die Menschen mit dem Thema Sterben umgehen. Und, was für eine wundervolle Unterstützung es sein kann, wenn dies in einem Umfeld geschehen kann, das nicht wertet, sondern Raum schafft für die unterschiedlichsten Wege. Es war auch eine Art „Danke“ zu sagen für den Raum, den sie uns geschenkt hatten. Hier wird wirklich tolle Arbeit geleistet!

Das führte auch dazu, dass ich mich bewusst mit meinem Wunsch nach einem „natürlichen“ Tod auseinandersetzte und eine Patientenverfügung gemacht habe.

Ich möchte nicht, wie der Mann im Krankenhaus enden – in einem System, einer Gesellschaft, die medizinische Behandlung und das „Am Leben halten“, höher wertet, als die Wünsche der Menschen.

Bzw. in dem den Mitarbeitern oder auch den Angehörigen die Hände halbwegs gebunden sind, da es als unterlassene Hilfeleistung gelten könnte, wenn sie jemand nachhause entlassen, der vielleicht nicht mehr richtig für sich sorgen kann und sterben wird. Auch wenn die Person dies gerne in Kauf nehmen würde.

Ich habe jetzt einen Zettel in meinem Portemonnaie mit folgenden Worten:

IM NOTFALL

Ich habe ein Recht auf meinen Tod

KEINE WIEDERBELEBUNG

mit dem Verweis auf meine Patientenverfügung, in der ich jegliche Eingriffe in meinen Körper und lebensverlängernden Maßnahmen ablehne.

An meiner Einstellung zum Leben hat sich durch Helena und Bernd viel verändert. Ich bin mir der Kostbarkeit jeden Momentes bewusst und habe gelernt mich dem Leben und auch der Liebe immer tiefer zu öffnen. Umso erfüllter fühlt sich mein Leben an.

Gerade, weil ich weiß, dass es jeder Zeit zu Ende sein könnte und ich die Qualität, die dieses Bewusstsein mit sich bringt, erfahren durfte, lebe ich jetzt viel freier und erfüllter.

Ich habe keine Angst vor dem Tod. Er ist ein toller Begleiter, der mir die Fülle des Lebens erst wirklich erfahrbar macht. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Auch hierfür habe ich einen Zettel in meinem Portemonnaie, der mir diese Qualität immer wieder ins Bewusstsein holt. Mit folgenden Worten:

Ich möchte voll im Moment Leben!

Mit aller Kraft, Wachheit, Offenheit, Klarheit, Gelassenheit, Liebe und viel Humor

Das heißt aber auch, dass ich die ganze Angst, die gerade in großen Teilen unserer Gesellschaft lebendig ist, aufgrund der sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten zwar nachvollziehen kann, aber nicht teile.

Das Leben ist jetzt! Wieviel Jetzt es geben wird, weiß keiner.

Lasst uns lieber wirklich leben und lieben. Lasst uns Mauern abbauen, anstatt neue in uns aufzubauen, die uns selbst genauso schaden, wie unserem Miteinander.

Das ist die Essenz, die ich aus meinen Erfahrungen gezogen habe.

Was sind deine Erfahrungen? Wie siehst du das Thema Tod? Wie das Leben?

3 Gedanken zu „Vom Tod und vom Leben“

  1. Ich bin etwas sprachlos, fühle aber große Dankbarkeit für diesen Beitrag!
    Danke, dass wir mit Dir mitfühlen durften!
    Ich freue mich über die offene Beschäftigung mit dem Tod und glaube daran, dass es Leben bringt, wenn wir es schaffen, den Tod und das Sterben zu integrieren.
    Alles was ist, ist. Und auch wenn wir nicht wollen, dass es ist, ist es.
    So nehmen wir es doch offen an, wie es ist.
    Das übe ich 🙏
    Danke für den Beitrag! 🥰💫🫂

  2. Vom Tod so frei zu sprechen wie vom Leben fühlt sich tief natürlich an. Es geht um Wesentliches. Die beiden Tore der Welt, Geburt und Tod.
    Ich mag Gespräche über das Sterben, weil es darin immer gleichzeitig um das Leben in Fülle geht.
    Herzlichen Dank für dein Teilen, Kerstin!

  3. Dankeschön, liebe Kerstin !

    Habe es jetzt erst gelesen – so ein wichtiger Text !
    Weisst ja, dass das u.a.auch meine Themen sind. –
    Gerade durch diese Zeit der Pandemie, finde ich, wird es wesentlich, dass wir wieder einen selbstverständlicheren Umgang mit Sterben und Tod bekommen. Dass es als etwas Natürliches und Normales ins Leben integriert ist – da sind uns andere Kulturen um einiges voraus.

    Da es für mich klar ist, dass wir vor der Geburt schon lange „lebten“ und nach dem Tod auf andere, besondere Weise weiter existieren, ist auch für mich kein Schrecknis damit verbunden – wir gehen dann nur „nach Hause“ zurück. Wie Kurt Tepperwein so schön sagt: „Wir legen im Tod unsere Schuluniform ab“ – weil irdisches Dasein nichts anderes als Lernen für die Seele bedeutet, die dann weitergehen darf. ;oD

    Soweit – und besten Dank und
    Liebe Grüße ! Norbert

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